1: Wait-and-See

Dinge ewig aufzuschieben, darauf kann man eigentlich gut verzichten. Wenn es aber darum geht, sich eine differenzierte Meinung zu bilden, ist eine Wait-and-See-Strategie sogar von Vorteil. Etwas gezielt aufzuschieben ist dann keine Schwäche, sondern kann zu einem wirkungsvollen Tool werden.

MANCHMAL HABEN WIR ES BESONDERS EILIG, unsere Überzeugungen kundzutun. Mit der erstbesten Meinung vorzupreschen, kostet wenig Zeit; sich mit einer Sachlage näher zu befassen, dagegen schon. Ein schnelles Statement spart uns Zeit – und winkt mit einem Versprechen: Ist nicht vielleicht doch alles ganz einfach und simpel? Wenn wir unseren Kommunikationshaushalt auf diese Weise pflegen, tun wir alles andere, als zu prokrastinieren. Es kann uns schließlich nicht schnell genug gehen, uns mit einer Meinung zu positionieren. Die Geduld für eine Wait-and-See-Strategie haben wir dagegen meistens nicht.

Präkrastination

Der Psychologe David Rosenbaum beschreibt in einer Studie ein der Prokrastination entgegengesetztes Verhalten: die sogenannte Präkrastination. Wer präkrastiniert, schiebt unangenehme Aufgaben nicht vor sich her, sondern schafft sie sich überhastet vom Hals. Das aber schafft oft neue Probleme. Denn wer in überzogener Eile handelt, so Rosenbaum, übersieht oft, dass es eigentlich bessere Lösungswege für ein Problem gibt. Auch bei beschleunigter Meinungsbildung passiert genau das. Umso überhasteter wir zu einer Überzeugung eilen, desto eher übersehen wir ausgewogenere Standpunkte und die Vielschichtigkeit einer bestimmten Sachlage.

Meinungen auf die lange Bank schieben

Es ist also durchaus empfehlenswert, bei der Meinungsbildung hin und wieder gezielt zu prokrastinieren. Und zwar nicht, um auf eine Stellungnahme ganz zu verzichten. Auch nicht, um noch den letzten Informationskrümel zu einer Sachfrage aufzulesen. Sondern nur: Dass es sich manchmal lohnt, bei der Meinungsbildung eine innere Stoppuhr mitlaufen zu lassen. Haben wir uns nicht mehr als 24 Stunden Zeit genommen, können wir es ruhig noch einmal vertagen, uns zu dieser oder jener Überzeugung zu bekennen. So bleibt mehr Zeit, andere Meinungen zu berücksichtigen oder sich weitere Informationen zu beschaffen.

Tool 1: Wait-and-See

  1. Nachvollziehen, wie viel Zeit für eine Meinungsbildung zu einem Sachverhalt zur Verfügung stand.
  2. War es nicht mehr als ein Tag, das endgültige Urteil noch einmal aufschieben.
  3. Das schon vorhandene Meinungsbild sich kurzfristig aus dem Kopf schlagen.
  4. Einige, weitere Informationen zu einem Sachverhalt und vor allem abweichende Standpunkte notieren.
  5. Seine Überzeugung auf Grundlage der Notizen erneut formulieren.

Weiterlesen

Armin Nassehi über einen „Gedanken, der sich dachte“ und die nachträgliche Reflexion, die stets zu spät kommt:
MONTAGSBLOCK /55, Kursbuch Online, 9. April 2018.

Die Studie zur Präkrastination hat David Rosenbaum mit Lanyun Gong und Cory Adam Potts veröffentlicht:
Pre-Crastination. Hastening Subgoal Completion at the Expense of Extra Physical Effort, Psychological Science, 8. Mai 2014.

Johannes Künzel hat sie dem deutschen Publikum vorgestellt:
Präkrastination: Der Zwang zum Soforterledigen, Psychologie Heute, 5. Juni 2014.

 

Bild: CC BY-SA 3.0, Alvesgaspar

 

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