5: Transparenzskepsis

Wer etwas schreibt oder sagt, nimmt oft an, die eigenen Sätze seien durchsichtig. Wir glauben meist, sie riefen bei anderen ähnliche Assoziationen wach wie bei uns selbst. Doch werden selbst Äußerungen geringen Umfangs häufig sehr unterschiedlich wahrgenommen. Darin liegt eine besondere Chance: Nämlich die Pluralität der Öffentlichkeit zu stärken, indem wir uns stärker bewusst machen, dass kaum eine Wortmeldung eindeutig ausfällt.

DASS DAS, WAS WIR SAGEN FÜR ANDERE NICHT OHNE WEITERES TRANSPARENT IST, bildet eine wichtige Voraussetzung zur Kommunikation. Trotzdem fällt unsere Hoffnung, wir könnten uns anderen einfach so verständlich machen, meist zu optimistisch aus. Es ist zudem schwer, von den eigenen Assoziationen, die wir selbst mit unseren Äußerungen verbinden, einfach so abzusehen. Wie Eliezer Yudkowsky in einem informativen Artikel mehrere Untersuchungen zum Thema auf den Punkt bringt: »It’s hard to empathize with someone who must interpret blindly, guided only by the words.« Wir bemerken deshalb meistens nicht, wie viel mehr Erläuterung, Kontext oder zusätzliche Hinweise für unsere Gegenüber hilfreich sein könnten, selbst dann, wenn nur ein paar einfache, prägnante Sätze unsere Auffassungen vermitteln sollen.

Hintergründe erläutern

So entstehen nicht nur viele unnötige Missverständnisse, wir verpassen auch Chancen, die Öffentlichkeit vielfältiger zu gestalten. Wir könnten etwas mehr Aufwand betreiben – und uns angewöhnen, ausführlicher zu erläutern, vor welchem Hintergrund wir eine Meinung vertreten, etwa mit welchen persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen wir sie assoziieren. Kontrolle darüber auszuüben zu wollen, wie andere eine Wortmeldung, ein Posting oder ein Tweet interpretieren, würde an Bedeutung verlieren. Umgekehrt empfänden wir es wichtiger, die gleichen Äußerungen in verschiedenen Kontexten zu verstehen: Dass sie folglich nur selten ohne Weiteres für andere transparent sind.

Kontextsensibilität

Um eine solche Haltung zu pflegen, könnten wir uns zunächst angewöhnen, eigene Meinungen jeweils mit Nebenbemerkungen und Hintergründen zu ergänzen. Sie machten explizit, was wir selbst mit der jeweiligen Meinungsäußerung verbinden und vor welchem Hintergrund wir zu ihr gelangt sind. Nötig wäre aber vermutlich auch ein zweiter Schritt: Nämlich selbst schon anzudeuten, wie ein Gegenüber auch verstehen könnte. Damit regten wir dazu an, sich nicht ausschließlich mit dem Für und Wider einer Meinung zu befassen. Vielmehr würden wir auch sensibler dafür, wie vielfältig Äußerungen interpretiert werden können – wie wenig transparent sie also meistens ausfallen.

Tool 5: Transparenzskepsis

  1. Beim Formulieren einer Meinung, sich eigens notieren, was man selbst mit ihr verbindet.
  2. Ebenfalls notieren, wie sie von einer anderen Perspektive, aus einem anderen Kontext heraus auch verstanden werden könnte.
  3. Seine Meinung öffentlich mache und dabei beide Notizen als Erläuterungen ergänzen.

Weiterlesen

Eliezer Yudkowsky, „Illusion of Transparency: Why No One Understands You“, LessWrong, 21. Oktober 2007.

Boaz Keysar and Anne S. Henly, „Speakers‘ Overestimation of Their Effectiveness“Psychological Science, Vol. 13 (2002), Nr. 3: S. 207–212.

Bild: Andrew MagillCC BY 2.0

Hat Sie der Beitrag überzeugt? Hier können Sie ihn teilen. Vielen Dank!

Kommentieren

Ihre Emailadresse wird nicht veröffentlicht!