4: Konkurrenz erfinden

Konkurrenz hat nicht immer den allerbesten Ruf. Doch vor allem dann, wenn bei einem Thema niemand in Sicht ist, der eine andere Position vertritt als man selbst, empfiehlt es sich, dem Wettbewerb der Meinungen und Standpunkte selbst auf die Sprünge zu helfen.Nicht jede beliebige Gegenposition aber ist gleich geeignet, um den eigenen Standpunkt mehr Schliff und Schärfe zu verpassen. Auch sich selbst Konkurrenz zu verschaffen, bedarf also etwas Sorgfalt.

WENN DIE EIGENEN MEINUNGEN OHNE KONKURRENZ DASTEHEN, ist Erfindungsgabe gefragt. Man müsse in solchen Fällen, so der Philosoph John Stuart Mill, „unbedingt welche erfinden und sie mit den stärksten Argumenten ausstatten.“ Denn unsere eigenen Überzeugungen könnten wir nur kennen, wenn wir uns „in die Geisteslage derjenigen“, versetzen, die „anders […] denken.“ Es profitiert also, wer erfindungsreich starke Alternativpositionen ersinnt – vor allem dann, wenn ein Standpunkt eher mit Befürwortung rechnen kann.

Pappkamerad*in, Teufelsanwält*in, Antagonist*in

Jedoch ist der Umgang nicht mit jedem fiktivem Gegner gleich vielversprechend. Gegenpositionen, welche unsere Meinung letztlich nicht in Gefahr bringen, mögen uns schmeicheln. Die Chance, unseren Standpunkt weiter zu entwickeln, bieten sie nicht. Sie verführen eher noch dazu, den eigenen Standpunkt als abgeschlossen und fest zu betrachten. Uns Pappkamerad*innen zur Seite zu stellen, der nur schwache Alternativen zur eigenen Meinung vorbringt, hilft da kaum weiter. Und auch sich einen advocatus diaboli mit besonders starken Gegenpositionen auszudenken, hat seine Tücken. In seiner klassischen Form bringt er letztlich nur aus einem Beweggrund Einwände vor: Zum Beweis, dass der kritisierte Standpunkt selbst den stärksten Gegenargumenten überlegen ist. Aber auch, wer stattdessen sich eine konfrontative Antagonist*in erfindet, der einfach die gegenteilige Position zur eigenen vertritt, gewinnt kaum. Denn dann bleibt unklar, wo sie überhaupt konstruktiv weiter entwickelt werden könnte.

Partielle Kritik

Sich eine partielle Kritiker*in zu ersinnen, der nur bestimmte, besonders relevante Details eines Standpunkts skeptisch betrachtet, lohnt sich dagegen deutlich mehr. Nur teilweise zu kritisieren, bedeutet, die einzelnen Details des eigenen Standpunkts näher zu betrachten, um für einige von ihnen skeptische Einwände zu formulieren. Einzelne Schwächen des eigenen Standpunkts werden mit ihm konkret deutlich. Das Nachschleifen der eigenen Meinung gewinnt spezifische Anknüpfungspunkte. Weder erscheint der eigene Standpunkt als letztes Wort, noch wird er einfach nur pauschaler Kritik ausgesetzt. Fiktive Konkurrenz ist daher vor allem dann konstruktiv, wenn sie Detailfreude besitzt.

Tool 4: Konkurrenz erfinden

  1. Den Zustimmungsgrad der eigenen Meinung bestimmen. Fällt er hoch aus, lohnt es, mit Schritt 2 fortzufahren:
  2. Die eigene Position eingehend und detailreich beschreiben.
  3. Für einzelne Details und Aspekte des Standpunkts spezifische Einwände formulieren.

Weiterlesen

Zum Thema lohnt die Lektüre des Kapitels „Über die Freiheit des Gedankens und der Diskussion“. Es findet sich in dem Buch, in dem auch das erwähnte Zitat zu finden ist (S. 109):
John Stuart Mill, Über Freiheit, Reclam, 2009.

Bild: Ralf BergerCC BY-SA 3.0

 

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