2: Gleich, aber verschieden

Wenn sich Fronten verhärtet haben, kann es zu einem echten Dilemma werden, sich öffentlich zu äußern. Auf den ersten Blick scheint dann nur eine simple Parteinahme für eine Meinung möglich.Doch sich klar für oder gegen eine Überzeugung, eine Idee oder ein Markenprodukt, zu bekennen, ist nie die einzige Alternative, um in die Öffentlichkeit zu treten.

DIE WISSENSCHAFTLERINNEN Susan Fiske und Shelley Taylor haben eine bestimmte Form von Geiz immer wieder erforscht: Die meisten Menschen seien „kognitive Geizhälse“, wenn sie sich eine Meinung bildeten. Ihre Fähigkeit, genauer zu beobachten, sparten sie sich oft für wenige Situationen auf. In allen anderen Fällen verließen sie sich eher auf schnelle „mental shortcuts“: Verallgemeinerungen, überspitzte Gegensätze, Vorurteile. Ihre Attraktivität hat praktische Gründe. Unsere Wahrnehmungsressourcen sind begrenzt, die Zeit oft knapp und viele Situationen so unübersichtlich, dass eine klare Meinung bei der Orientierung hilft.

Knappe Aufmerksamkeit

Offen ist nur, ob der Geiz mit der eigenen Aufmerksamkeit der jeweiligen Situation auch tatsächlich entspricht. Hat man tatsächlich keine Geduld mehr, um in einem Blogpost auf einige weniger offensichtliche Aspekte einzugehen? Kann man sich nicht doch ein wenig mehr Zeit nehmen, um in einem Facebookpost besser zu unterscheiden? Und spricht ein schneller Meinungsreflex nicht gerade dafür, dass man es mit einer besonders komplexen Sachfrage zu tun hat?

Vor einigen Jahren brachte Lidl seine Eigenmarke Solevita in direkten Kontrast zur deutlich bekannteren Orangensaftmarke hohes C. Mit geringem Erfolg: Penny senkte seinerseits den Preis der etablierteren Marke und ließ das Angebot ins Leere laufen. Doch hätte Lidl durchaus bessere Alternativen gehabt. Denn seine Kundschaft mag beim Einkauf zwar mit Geld geizen, aber mit seiner Aufmerksamkeit durchaus großzügig sein. Sie könnte bei Orangensäften also wider Erwarten auf mehr Wert legen als nur ihren Preis.

Ein Weg aus dem Meinungsdilemma

Es gibt Situationen, in denen wir von vornherein großzügig mit unserer Aufmerksamkeit sind. David Amis, ein weiterer Kognitionswissenschaftler, hat in mehreren Fallstudien dafür Belege gefunden. Auf Stereotype griffen wir demnach bedeutend weniger stark zurück, wenn wir zwischen sonst stark unterschiedenen sozialen Gruppen teilweise Ähnlichkeiten ausmachten. In solchen Fällen würden wir recht schnell dazu übergehen, nuanciertere Beobachtungen zu machen und weniger vorschnell urteilen.

Genau das lässt sich aber auch nutzen: nämlich dazu, uns hin und wieder selbst zu etwas weniger kognitiven Geiz zu verführen. In politischen Meinungslagen, in denen scheinbar nur die Wahl zwischen zwei Seiten bleibt, könnten wir uns erst einmal für Ähnlichkeiten zwischen eigentlich einander fremden Positionen interessieren. Oder uns bei Marken, deren Image sich besonders stark widerspricht, zunächst den wenigen Gemeinsamkeiten widmen. Ist das einmal gelungen, ist oft der Weg aus dem Dilemma schon gewonnen. Es fallen uns dann nicht nur Unterschiede auf, die vorher übersehen wurden, sondern wir haben auch Raum für eine eigenständigere Äußerung gewonnen.

 Tool 2: Gleich und verschieden

  1. Sieht man sich zu einer alternativlosen Parteinahme für diese oder jene Position gedrängt, Ähnlichkeiten zwischen den meist entgegengesetzten Meinungen, Überzeugungen oder Produkten auflisten.
  2. Eine zweite Liste mit den neu entdeckten Unterschieden anfertigen.
  3. Seinen Standpunkt zum jeweiligen Sachverhalt äußern und dabei beide Listen in Anspruch nehmen.

Weiterlesen

Susan Fiske, Shelly TaylorSocial Cognition: From Brains To Culture, 2017 (3. Auflage), S. 15–16.

Daniel Ames: „Strategies for Social Inference: A Similarity Contingency Model of Projection and Stereotyping in Attribute Prevalence Estimates“, Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 87 (2004): No. 5, S. 573–585.

 

Bild: esined, CC0 1.0.

 

Hat Sie der Beitrag überzeugt? Hier können Sie ihn teilen. Vielen Dank!

Kommentieren

Ihre Emailadresse wird nicht veröffentlicht!